Gedanken zum real existierenden Konstruktivismus

Konstruktivismus: Wissen Sie jetzt nichts.
Dann wissen Sie gleich mehr

Die vermeintliche Unfähigkeit, etwas zu verändern, basiert auf einem Irrtum. Es ist der Irrtum, man habe schon alles versucht oder gesehen zum Thema, und deswegen habe man keine Wahl.

In der Arbeit mit unseren Klienten laden wir zu einem einfachen Satz ein, der – einige Minuten und Stunden und Tage vor sich hingedacht – zu einer Veränderung der Haltung führt: „Ich bin neu hier.“ Einige Gedanken zum real existierenden Konstruktivismus.

Ich bin neu hier. Ich möchte erfahren, was ich noch nicht weiß, entdecken, was ich noch nicht kenne

Bitte nie zu sagen, „das ist langweilig, das kenne ich schon.“ Das ist die größte Katastrophe! Immer wieder sagen, „ich habe keine Ahnung, ich möchte das noch einmal erleben.“

Heinz von Foerster, einer der Mitbegründer der kybernetischen Wissenschaft, Wortschöpfer z.B. von „Kybernetik zweiter Ordnung“, hat diesen Satz geprägt. Dieser Satz kann Türen öffnen, die Langeweile am eigenen Leben vertreiben, eine tiefe Vorfreude auf Veränderungen, eben auf das noch Unbekannte bringen. Hier können Sie später mehr über Heinz von Foerster lesen, es öffnet sich ein neues Browserfenster.

Lesen Sie jetzt erst einmal hier weiter:

Bei allem Respekt – gar nichts wissen Sie – logischerweise über das, was Sie noch nicht wissen können

Wenn zu uns Menschen zur Beratung und in die Supervision kommen, die als deprimiert oder auch dekompensiert beschrieben werden, dann ist deren Blick natürlicherweise verengt: eingegrenzt z.B. auf ein Dilemma, eine aus aktueller Sicht unlösbare Situation. Meistens hat es schon angefangen, das Gedankenkarussell, und es dreht sich immer schneller, auch nachts in den Wachphasen.

Und worum dreht es sich? Um das bereits Bekannte: „Wie soll ich bloß, weil doch da …“ – „Könnte ich das doch nur ändern, wenn …“ – „Wenn sie / er anders wäre, dann …“ – „Ich habe alles schon versucht …“

Konstruktivismus in der Beratung

Was wird sichtbar, wenn scharfgestellt wird, was in der Beratung aufleuchtet?

Es läuft eine sich vermeintlich bzw. irgendwann tatsächlich selbst bestätigende Logik ab. Doch es ist eine Pseudologik. Sie wird immer wieder gefüttert von der Vermutung, es gäbe außerhalb des bereits Bekannten nichts Neues. Genau das führt zu dem, was Heinz von Foerster als „die größte Katastrophe“ bezeichnet. Selbst wenn es gar keine Katastrophe ist, sondern „nur“ ein langweiliges Leben, in dem abends ein Glas Wein mehr als es gesund wäre fließt, damit man sich von der Monotonie distanziert: Die Haltung des „kenne ich schon“ führt zum Gegenteil von Kreativität. „Das kenne ich schon“ heißt soviel wie „Das haben wir schon immer so gemacht. Basta.“

Was sagt die Seele, die Psyche dazu?

Ein gesunder Mensch reagiert auf das angebliche Ende der Möglichkeiten naturgemäß mit Desinteresse, irgendwann mit Abstumpfung und dann mit dem Gefühl von Sinnleere, Sinnlosigkeit. Noch einmal: Es ist gesund, auf widrige Umgebungsbedingungen, auf widersprüchliche Aufträge mit Niedergeschlagenheit zu reagieren. Unsere Klienten sind nicht wenig überrascht, wenn sie hören: „Die Tatsache, dass Sie auf diese Wirklichkeitskonstruktion, auf diese Ziel- oder Loyalitätskonflikte in dieser Weise reagieren, zeigt, wie gesund Sie grundsätzlich sind. Würden Sie das Verquere, die Unstimmigkeit Ihrer Situation, der Kontextbedingungen und Zielkonflikte, in denen Sie sich zurechtfinden wollen, nicht bemerken, dann, und erst dann könnte und sollte man sich Sorgen machen über Sie.“

Work-Life-Balance

Gleichzeitig im Unternehmen und zu Hause? Funktioniert nicht, und so verkümmert das Privatleben, gleichzeitig leidet der Job – und natürlich der / die Angestellte

Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält, oder ein ganze Reihe von Geschichten. – Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein

Es ist mit wenigen Worten erklärt, warum wir auch dort mit Supervision arbeiten, wo andere meinen, nur eine Psychotherapie könnte helfen. Bei einer Psychotherapie sind die Regeln und Rollen meistens eng vorgegeben: hier der „wissende“ Therapeut – dort der defizitäre Patient, der vom Therapeuten das „richtige“ Verhalten (einer der großen Irrtümer in der Verhaltenstherapie) lernen soll, um im Leben klarzukommen. Zu allem Überfluss muss man auf einen Psychotherapieplatz oft Wochen bis Monate warten. Das verschlechtert die Genesungsbedingungen zusätzlich. Deshalb bieten wir keine Therapie an, sondern Supervision. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht beim Supervisionszentrum die Kompetenz der Klienten.

Metaperspektive – oder: der Hocker, der die Weltsicht verändert

Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einem Zimmer in der Wohnung, in der Sie schon seit Jahren leben. Sie sehen sich um und sehen, was Sie jeden Tag sehen. „So ist meine Wohnung, ja, so ist sie.“ Das wäre das Ende der Vorstellung, und man könnte in dieser Wohnung so weiterleben, vielleicht in der Überzeugung, sie wäre zu klein oder zu unpraktisch oder zu dunkel. Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie steigen auf einen Hocker oder eine Trittleiter und sehen sich Ihre Wohnung von etwas weiter oben an. Was sehen Sie? Vergessene Dinge auf dem Schrank? Wie wirkt die Szene jetzt? Ist der Wäschestapel immer noch ein Gebirge, oder ließe er sich von hier oben auch anders beschreiben, so dass er anders wirkt? Wie wirken die Gegenstände in Ihrer Wohnung, wenn Sie sie im Zusammenhang betrachten? Und so weiter.

Diese Art der Veränderung lässt sich auf den Beratungsalltag übertragen. Erstaunen kommt auf, doch dabei wurde nur eine kleine Veränderung der Position eingenommen, aus der dieselbe Situation gesehen und beschrieben wird. Deshalb laden wir zur Entwicklung einer Metaperspektive dazu ein, sich einen Hocker vorzustellen. Hat jeder schon einmal gesehen.

Der Innenstehende wird zum Außenstehenden – zeitweise

Das führt zu günstigen Entwicklungen. In der Supervision, mit der Entwicklung einer Außenperspektive und Metaebene, beginnen die Klienten, ihr leidvoll erfahrenes „kenne ich schon“ zu verlassen. Nicht ein Psychotherapeut gibt vor, was zu tun ist. Nein, kein Außenstehender weiß, was sein Gegenüber gerade am meisten benötigt. Der Innenstehende weiß bzw. ahnt es. In unserer Arbeit geht es darum, den Menschen mit Wertschätzung und fragender Offenheit zu begegnen, den eben noch Innenstehenden dazu einzuladen, Außenperspektiven einzunehmen. Die Vermehrung der Wahlmöglichkeiten ist einer der Hauptschlüssel gelingender Beratung:

„Wenn es nicht dieses Erleben / diese Entwicklung ist, die in Ihnen ein gutes Gefühl auslöst, welche könnte es dann sein?“ Mit gemeinsam praktizierter, kreativer Geduld oder geduldiger Kreativität, bewegen wir uns gemeinsam zu neuen Ideen, zu neuen Vorahnungen von Stimmigkeit im Erleben.

Dr. Gunther Schmidt, Gründer des Milton-Erickson-Instituts Heidelberg, leitender Arzt der sysTelios-Klinik in Siedelsbrunn und Wegbereiter des hypnosystemischen Ansatzes, hat den Begriff „Realitätenkellner“ geprägt. Tatsächlich geht es um Angebote, die vom Berater permanent auf Konsensfähigkeit bei den Klienten zu prüfen sind. Es geht immer um die Frage an die Klienten, welche Auswirkungen es haben könnte / würde, wenn sie ihr Handeln, Denken und Sprechen in einer bestimmten Weise verändern, modulieren würden. Es geht niemals um den großen Wurf in der Beratung, die 180°-Wende oder das Einmal-alles-Aufräumen im Leben. Dies alles sind überformatige Ideen, die aus dem Machbarkeitswahn einer Zeit entspringen, die Klienten zur Verzweiflung treiben kann und früher oder später in die Beratung bringt: mehr Arbeit mit weniger Menschen in kürzerer Zeit ist eine absurde Ungleichung bzw. Forderung.

Nichts wissen. Sich gemeinsam mit den Klienten durchfragen. So sehen wir weiter.

Mit dieser Haltung begegnen wir den Menschen. Es ist die Haltung der Bescheidenheit des fragenden und über die Klienten nichts wissenden Beobachters. Es ist eine Haltung der vollkommenen Kompetenzzuschreibung und der Würdigung der vielen, oft unendlich anstrengenden Lösungsversuche, die Menschen unternehmen und zum Beispiel wegen Zielkonflikten nicht weiterkommen: „Ich bin ein loyaler Arbeitnehmer, arbeite bis 20 Uhr und erfülle gleichzeitig den Herzenswunsch meiner Frau, unsere Tochter um 19 Uhr ins Bett zu bringen.“

Klienten reagieren mit Erleichterung, mit Erschöpfung, auch mit Trauer, vor allem aber mit Öffnung und dem Wachwerden der Fähigkeit zur Entwicklung und zur Veränderung. Dies ist der Hauptgrund für das Tempo, in dem sich die Menschen auch aus als deprimierend erlebten Phasen herausbewegen können.

Auch Sie sind herzlich willkommen mit Ihren Anliegen, Ihren Lösungsversuchen und den Ideen, die andere über Sie entwickelt und zur Wahrheit erklärt haben. Kommen Sie zu uns: Wir wissen nichts, und so können wir schon bald weitersehen.

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